Sehr geehrte Anleger,
 
in den letzten Tagen habe ich einige Male die Frage beantworten müssen, ob man jetzt, wo doch die Aktien von Air Berlin so billig sind, nicht vielleicht doch zugreifen sollte.


Grundsätzlich ist es natürlich ein guter Ansatz, bei Aktien zu suchen, die im Kurs gefallen sind. Ich und mein Team haben dies in den letzten Jahren schon einige Male erfolgreich praktiziert.

Doch bei Air Berlin liegen die Dinge anders. Der Wettbewerb in der Branche ist hoch.

Die Verschuldung des Unternehmens betrug zuletzt 1,2 Milliarden Euro[1]. Ich rate daher von einem Kauf der Air Berlin-Aktie ab.

Doch lassen Sie mich an dieser Stelle noch etwas weiter ausholen, denn das Thema der sogenannten Zigarettenstummel-Aktien ist sehr interessant. Entsprechende Unternehmen sind in erster Linie einfach günstig bewertet. Ihre Aktien bieten einzig und allein aufgrund ihrer Bewertung eine hohe Sicherheitsmarge. Sie wurden, wenn man es so formulieren will, kurstechnisch ausgequetscht. So wie ein Zigarettenstummel auch oft noch brennt, wenn man ihn erneut anzündet.

Der Begriff wurde geprägt von Benjamin Graham. Er ist der Begründer des Value Investing, ein erfolgreicher Anleger. Und er hatte ein humanistisches Ideal: Er wollte die Börsen im Dienste der kleinen Investoren professionalisieren. Graham versuchte, vor übertriebenen Optimismus und übertriebener Gier zu warnen, die die Anleger mitreißen und dazu verleiten können, solide Investitionen aufzugeben und mit Aktien zu spekulieren, die auf den ersten Blick die Aussicht auf einen schnellen Wertzuwachs bieten.

Grahams Überzeugung beruhte auf der Erkenntnis, dass der Markt Aktien aufgrund menschlicher Emotionen häufig falsch bewertet.

Wenn der Optimismus hochschlägt, lässt die Gier Aktien über ihren Inneren Wert hinaus steigen und sorgt für eine überteuerte Marktlage. Zu anderen Zeiten lässt Angst die Preise unter den Inneren Wert fallen und erzeugt eine unterbewertete Marktlage.

Eine echte Anlage muss nach Graham zwei Eigenschaften haben – ein gewisses Maß an Sicherheit des Kapitals und eine befriedigende Ertragsrate.

Er warnte, dass Sicherheit nicht absolut ist. Ungewöhnliche oder unwahrscheinliche Ereignisse können dazu führen, dass sogar eine sichere Anleihe ausfällt. Man sollte als Anleger vielmehr nach etwas streben, das unter normalen Bedingungen gegen Verluste abgesichert ist.

Dazu führte Graham den Begriff der „Sicherheitsmarge“ ein. Eine solche Sicherheitsmarge liegt vor, wenn Wertpapiere unterhalb ihres wahren Wertes verkauft werden.

Damit diese Strategie systematisch funktionieren kann, brauchen Anleger eine Methode, mit der sie den Inneren Wert eines Unternehmens bestimmen können.

In seinem Buch „Security Analysis“ definierte Graham den Inneren Wert als „durch die Fakten determiniert“. Zu diesen Fakten gehörten nach seiner Auffassung das Vermögen eines Unternehmens, dessen Gewinne und Dividenden.

Diese Überlegungen waren Grundlage für Grahams Ansatz, Aktien für weniger als zwei Drittel ihres Umlaufvermögens abzüglich Schulden zu kaufen (Net-Net). Die Aktien, die Graham auswählte, waren am Markt zutiefst in Ungnade gefallen. Graham jedoch war der festen Überzeugung, dass solche „ungerechtfertigt niedrig“ gepreisten Aktien attraktive Kaufgelegenheiten waren.

Auf diesem Wege übertraf Benjamin Graham die Performance des Marktes.

Indem er keine unvernünftig hohen Renditen anstrebte, sondern sich auf solide Anlageprinzipien innerhalb eines disziplinierten Rahmens konzentrierte, erzielte er außerordentliche Ergebnisse.

In Air Berlin hätte Graham mit Sicherheit nicht investiert. Wettbewerb und Verschuldung sind hier einfach viel zu hoch.

Dennoch hat Gründer Joachim Hunold unseren Respekt verdient.

Gerade die aktuellen Streitigkeiten und Mauschelein bezüglich der noch verbliebenen Firmenwerte zeigen doch, dass Selfmademan Hunold innerhalb eines Vierteljahrhunderts viel aufgebaut hat, seit er im Frühjahr 1992 den ersten Flieger von Berlin-Tegel Richtung Palma de Mallorca hat aufsteigen lassen. Vor 10 Jahren wurde Air Berlin mit 26,2 Millionen Passagieren und einem Umsatz von 2,54 Milliarden Euro Deutschlands zweitgrößte Airline.

Joachim Hunold war von dem getrieben, von dem es in Deutschland nach meiner Meinung zu wenig gibt: Unternehmergeist. Allein schon sein Aufstieg vom Gepäckverlader zum Stationsleiter am Flughafen Düsseldorf bis hin zum Marketing- und Vertriebsdirektor bei LTU hat schon Vom-Tellerwäscher-zum-Millionär-Qualität.

Das Beispiel zeigt: Es ist der heutige Mittelstand, der gestern oder vorgestern aus einer Gründergeneration entstanden ist, die sich weder von politischen noch von ökonomischen Krisen hat abbringen lassen, das Wagnis eines eigenen Unternehmens einzugehen und sich Verantwortung aufzuschultern. Sie haben die Angst vor dem Scheitern überwunden.

Deshalb wiederhole ich mich gerne: Unternehmern wie Joachim Hunold gebührt unser Respekt.

Auf gute Investments,
 
Ihr
 






Max Otte
  
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[1] http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/air-berlin-insolvent-von-achims-groessenwahn-und-mehdorns-scheitern-a-1162947.html