von Prof. Dr. Max Otte

 

Bei Privatinvestor-TV auf YouTube sprechen wir mit interessanten Persönlichkeiten, die vielleicht nicht so oft in Talkshows zu hören sind, wie sie eigentlich sollten. Aktuell lege ich Ihnen das Interview mit Dr. Daniel Stelter ans Herz, das Andreas Franik führte. Stelters zentrale Aussage:

„In einer Welt, die überschuldet ist, ist es eine ziemlich dumme Idee, ein Gläubiger zu sein.“

Dr. Stelter gibt als unabhängiger Denker den Blog Think beyond the obvious heraus und gehört laut FAZ zu den 100 einflussreichsten Ökonomen Deutschlands. Nicht, dass ich allzu viel Wert auf das Urteil der Frankfurter Allgemeinen lege. Was aber das Besondere an Stelter ist: Er war Senior Partner bei der Boston Consulting Group und ist nach seinem Ausscheiden finanziell unabhängig. Ihm geht es um die Sache.

Mit seinem Buch „Eiszeit in der Weltwirtschaft“ (Campus, 2016) präsentiert Stelter meines Erachtens die beste Analyse des gegenwärtigen Zustandes der Weltwirtschaft. Einen Crash haben wir nicht, aber die Märkte sind aufgrund der exzessiven Notenbankpolitik und der Regulierung „eingefroren“. Hätte ich ein Buch zum Zustand der Welt geschrieben, wäre es in weiten Teilen deckungsgleich. Letztes Jahr hatte ich mich allerdings entschlossen, „Investieren Statt Sparen“ völlig zu überarbeiten, um die Prinzipen der sinnvollen Kapitalanlage zeitgemäß darzustellen. Stelter befasst sich auch mit der Kapitalanlage; sein Schwerpunkt ist aber die ökonomische Analyse.

Laut Stelter erliegen wir schon lange einer Wohlstandsillusion. Und die Tatsache, dass wir Exportweltmeister sind, heißt, dass wir auch viel Kapital exportieren (also dem Rest der Welt das Geld leihen, um die Exportüberschüsse zu finanzieren). Mit seiner Aussage „In einer Welt, die überschuldet ist, ist es eine ziemlich dumme Idee, ein Gläubiger zu sein“ trifft Stelter den Nagel auf den Kopf. Und Gläubiger sind auch diejenigen mit Kontoguthaben, Lebensversicherungen oder Anleihen – oder mit staatlichen und privaten Rentenzusagen. Auch im letzteren Fall haben sie eine Geldforderung. „Wir laufen Gefahr, dass diese Wohlstandsillusion sehr schmerzlich für uns endet“, so Stelter im Interview weiter.

Auf die Frage von Franik, warum es noch keine Vertrauenskrise gäbe, antwortet Stelter: „Doch, die Vertrauenskrise gibt es“. Nach Stelter vor allem bei Menschen, die über Finanzmittel und ein gewisses Vermögen verfügen.

„Sehr viele Leute kaufen eine Immobilie, um sich so vor dem zu retten, was bevorsteht. (…) Die breite Bevölkerung merkt nicht, was passiert, und deswegen ist das Vertrauen noch da. Aber was die Vermögensbesitzer betrifft, würde ich sagen, das Vertrauen ist bereits im Erodieren befindlich. (…) Deshalb steigen ja auch einige Vermögenswerte, von denen man sagen kann, dass man das fundamental nicht mehr begründen kann, außer die Leute haben fundamentale Angst.“

Schauen Sie rein. Stelter ist einer der wirklich unabhängigen Ökonomen, der jenseits von Panikmache die Lage sehr nüchtern analysiert. Und das macht er, weil er etwas mitzuteilen hat und nicht aus kommerziellen Motiven.

Auch in der kommenden Krise sind Qualitätsaktien langfristig eines der besten Mittel, Ihr Vermögen zu erhalten. Natürlich können bei einem Kollaps der Finanzmärkte auch diese Aktien in die Knie gehen. Aber schon nach drei oder vier Jahren dürften die meisten Verluste wettgemacht sein. Denn die meisten Aktien befinden sich in den Händen der Vermögenden. Und die haben eine gute Lobby.